Mikroorganismen in der Mundhöhle spielen eine aktive Rolle bei der Erhaltung der Mundgesundheit. Sie bilden einen wichtigen Biofilm, der sich im Verlauf der Evolution parallel zur Entwicklung des Menschen entwickelt hat. Die Gesundheit hängt somit von einem empfindlichen Gleichgewicht zwischen Bakterien ab, die ständig in der Mundhöhle vorhanden sind, und „schädlichen“ Bakterien, die in diesen Lebensraum gelangen und bei Überwiegen Erkrankungen verursachen. Die häufigste Erkrankung in der Mundhöhle (Karies) hängt daher mit dem Vorhandensein von Kohlenhydraten zusammen, die Bakterien als Nahrung dienen, die in einem sauren Milieu leben (Streptococcus mutans und Lactobacillus). Diese verursachen ein Ungleichgewicht im bakteriellen Biofilm und in der Folge die Auflösung der Zahnhartsubstanzen.

Ausgehend davon entstand die Idee, die Bakterien innerhalb des „körpereigenen“ Biofilms zu beeinflussen, um dessen Stabilität zu erhöhen und damit die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung krankheitserregender Bakterien zu verringern. Unter bakterieller Therapie verstehen wir daher ein Verfahren, bei dem ein unschädlicher und aktiver Faktor in die Mikroflora des Patienten eingebracht wird, der durch seine Wirkung die „guten“ Bakterien positiv und die pathologischen beziehungsweise „schlechten“ Bakterien negativ beeinflusst. Bakterien, denen eine solche Wirkung zugeschrieben wird, nennt man Probiotika. Die WHO beziehungsweise Weltgesundheitsorganisation definiert sie als lebende Mikroorganismen, die in ausreichend großer Menge saprophytische beziehungsweise „gute, körpereigene“ Bakterien unterstützen können. Es handelt sich um unverdauliche Bestandteile bestimmter Nahrungsmittel, die durch selektive Stimulation von Bakterien im Biofilm dem Wirtsorganismus (Menschen) einen Nutzen bringen.
In zahlreichen Studien wurden bereits positive Wirkungen von Probiotika bei Durchfall, Asthma, Ekzemen … nachgewiesen. Die Frage ihrer Wirkung auf die Mundgesundheit ist weiterhin offen, es zeichnen sich jedoch klare Leitlinien dazu ab, was nützlich sein könnte und was nicht.

Bereits im Jahr 1900 stellte der Nobelpreisträger Mtschnikow die These auf, dass bestimmte ungefährliche Mikroorganismen einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben. Dabei handelte es sich um Bakterien, Pilze oder Schimmelpilze, die als Probiotika bezeichnet wurden (pro bios; griechisch für Leben) und in Joghurt, Sauermilch und Käse vorkommen; ebenso lassen sie sich auch beim Menschen finden. Probiotische Bakterien gehören zu den Laktobazillen und Bifidobakterien, die auch Bestandteile der normalen menschlichen Mikroflora sind. Der Wirkmechanismus von Probiotika ist nicht gut bekannt, sie haben jedoch lokale und systemische Wirkungen. Sie hemmen das Wachstum von Krankheitserregern, produzieren Bakteriozin und Wasserstoffperoxid, das ebenfalls bakterizid wirkt, stimulieren und modulieren das natürliche Immunsystem und konkurrieren mit pathogenen Bakterien um Lebensraum. Die Wirkungsweisen unterscheiden sich bei verschiedenen Arten von Probiotika; andererseits können dieselben Arten bei unterschiedlichen Menschen verschiedene Wirkungen haben. Einige Wirkungsweisen in der Mundhöhle sind in der folgenden Tabelle dargestellt.
 
 
Lactobacillus rhamnosus Milch, Joghurt, Käse Blockiert S. mutans, Kariesreduktion
Lactobacillus reuteri Bonbon, Kaugummi Plaquereduktion, entzündungshemmende Wirkung
Lactobacillus paracasei Nahrungsergänzungsmittel Blockiert S. mutans
Lactobacillus plantarum Fruchtsäfte Hemmt kariogene Bakterien
Lactobacillus salivarius Tabletten Verringert Zahnfleischentzündungen
Bifidobacterium lactis Joghurt Blockiert S. mutans im Speichel
Streptococcus salivarius Bonbons Verringert Mundgeruch
Weisella cibaria Mundspüllösungen Verringert Mundgeruch und Plaquemenge

Probiotische Bakterien sind im menschlichen Organismus nicht dauerhaft vorhanden, sondern lassen sich nur noch etwa eine Woche nach dem Verzehr von Lebensmitteln nachweisen, die sie enthalten. Das bedeutet, dass für ihre Wirkung keine dauerhafte Kolonisation erforderlich ist.

In den letzten zwanzig Jahren wurden einige Studien durchgeführt, die vor allem den Einfluss probiotischer Bakterien auf die Menge von Streptococcus mutans im Speichel, die Häufigkeit von Gingivitis (Zahnfleischentzündung) und die Plaquemenge bei den untersuchten Personen (jüngeren Erwachsenen und Kindern) betrachteten. In den Studien wurde außerdem die Wirkung von Chlorhexidin als dem am häufigsten in Mundspüllösungen verwendeten Wirkstoff mit der Wirkung probiotischer Bakterien auf das Auftreten von Plaque und Zahnfleischentzündungen verglichen. In allen Studien wurden positive Wirkungen probiotischer Bakterien festgestellt; besonders interessant war die Feststellung, dass die Effekte sogar größer waren als bei Chlorhexidin. In der Tabelle sind die Ergebnisse einiger Untersuchungen dargestellt.
 
Alter der Probanden Verzehrte Nahrung Studiendauer Art des Probiotikums Wirkung
12–16 Jahre Joghurt 2 Wochen Bifidobakterien Reduktion von S. mutans
12–15 Jahre Milch 2 Wochen L. rhamnosus Unveränderte Menge von S. mutans
6–8 Jahre Lösung 2 Wochen Bifido/ L. acidophilus Weniger Plaque und Gingivitis im Vergleich zur Wirkung von Chlorhexidin
12–14 Jahre Speiseeis 10 Tage Bifido/ L. acidophilus Reduktion von S. mutans
7–14 Jahre Pulver 14 Tage L. rhamnosus/ bifido Reduktion von S. mutans
4–12 Jahre Tropfen 25 Tage L. reuteri Reduktion von S. mutans

Studien, die den Einfluss von Probiotika auf das Auftreten beziehungsweise die Verringerung von Karies bei Kindern untersuchten, berichteten ebenfalls über positive Wirkungen von Probiotika. In Finnland wurde die erste Studie veröffentlicht, in der 594 Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren sieben Monate lang viermal pro Woche probiotische Milch (L. rhamnosus) erhielten. Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Verringerung der Kariesaktivität im Vergleich zur Kontrollgruppe, die normale Milch erhielt. Die Verringerung betrug etwa 21 % und sogar 56 %, wenn die Gruppe der drei- bis vierjährigen Kinder gesondert betrachtet wurde. Eine weitere ähnliche Studie wurde in Schweden durchgeführt, umfasste eine wesentlich größere Zahl von Kindern und bestätigte die Schlussfolgerungen der ersten Studie zusätzlich.